Teil 1 der Perfidie - Trilogie
 
 
„Sie war eine Mörderin, die sich vor nichts mehr fürchtete als dem Leben.“

 

Funktionieren oder sterben. Die Auswahl in Sophias Leben ist nicht besonders vielfältig. Die junge Söldnerin bewegt sich stetig am Rande des Abgrunds, ohne zu wissen, von welcher Seite der nächste, vernichtende Stoß ausgehen wird. 

 

Gefangen im Spinnennetz einer gnadenlosen Organisation führt sie einen einsamen Kampf, bis zu dem Tage, an dem ein Neuling ihre Welt vollständig auf den Kopf stellt. Doch Sophias vermeintliche Freunde haben perfide Pläne und zwingen sie zu einer Entscheidung. Stehend sterben oder kriechend leben. Denn es gibt keine Gegner – nur wehrhafte Opfer.

 

 

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Leseprobe

 

Der feuchte Waldboden ließ sie nur langsam vorankommen. Dennoch konnte nichts die kleine Gruppe aufhalten. Zielsicher schritten sie voran, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Wie Geister einer anderen Welt. Ein eisiger Wind wehte, der so kalt war wie ihre finster gewordenen Seelen. Sie kamen - und sie würden Entsetzen und Tod zurücklassen, wenn sie wieder gingen. Das allein war ihre Aufgabe, ihr Ziel, ihre Bestimmung in dieser Nacht und in so vielen anderen. Die drei Männer und die junge Frau in ihrer Mitte machten sich bereit. Der Grund für ihr Handeln war simpel. Ein Befehl. Namen spielten keine Rolle. Ihre Ziele waren keine Menschen, sondern Objekte, die es zu vernichten galt. Die Firmenpolitik war einfach. Schnell zu verinnerlichen, damit der eigene Status als menschliches Wesen aufrechterhalten werden konnte.


Stumm näherten sie sich der kleinen Scheune am Waldrand, die lediglich noch zur Lagerung von Heu- und Strohballen genutzt wurde. Die lähmende Stille tat fast in den Ohren weh, wäre da nicht das stetige Rauschen des eigenen unruhigen Blutes gewesen, welches die letzte Brücke zur Realität darstellte. Einzig der Wind pfiff bedrohlich durch die Baumwipfel, als wollte er das nahende Unheil ankündigen oder ihm gar die Richtung weisen?
Wie automatisiert positionierten sie sich um die Scheune und luden ihre Waffen durch. Dasselbe Schauspiel. Immer und immer wieder. Jeder kannte seine Rolle und jeder würde diese ohne einen Millimeter abzuweichen, ausführen. Hunderte Male schon hatten sie solche Aufträge erledigt, doch eine Routine hatte sich nicht eingestellt. Der Tod akzeptierte keinen bis ins kleinste Detail geprobten Auftritt in seinem Theater. Das Unerwartete, die Improvisation war sein bevorzugtes Genre. Das Schicksal, sein engster Verbündeter, hatte des Öfteren einen derben Humor bewiesen. Nicht einmal der nächste Atemzug erschien selbstverständlich im Angesicht der Ungewissheit einer unberechenbaren Situation. Menschen würden sterben, aber auf welcher Seite würde sich erst entscheiden, wenn der Vorhang die Bühne freigab. Keine Flagge hinderte jemals ein Projektil daran, sein Ziel zu finden und ein schlagendes Herz innerhalb eines Wimpernschlages für immer zum Stillstand zu bringen.
Der Adrenalinstoß, der ihren Körper erschaudern ließ, war ein treuer Begleiter geworden. In ihrem jungen Leben hatte Sophia bereits genug gesehen und getan, um mit einem Lächeln durch die Hölle zu gehen, die schon so lange ihr Zuhause war. Sie spürte, wie sich ihr Brustkorb unter ihrem angestrengten Atem hob und senkte. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Ein Auftrag. Eine Chance. Präzision und Schnelligkeit würden ihr das Leben retten und ihren Gegnern den Tod bringen, wenn sie keinen Fehler zuließ.


Zwischen den großen Männern kam sie sich verloren vor. Wieder einmal fühlte sie sich viel zu klein für solch eine große Aufgabe. Dennoch war sie eine von ihnen. Schon fast ihr ganzes Leben lang. Sie wusste, wie Menschenleben endeten, bevor sie auch nur den Hauch einer Ahnung davon hatte, wie sie anfingen.
Nach einem tiefen Atemzug, der alle ihre Sinne für das Hier und Jetzt mobilisierte, griff sie nach ihrer Waffe. Mit ihrer Lebensversicherung in den Händen zwang sie sich, das Machtgefühl heraufzubeschwören, welches ihr das todbringende Instrument normalerweise verlieh.


Vorsichtig schlich die kleine Gruppe um das marode Gebäude, das im schummrigen Mondlicht seltsam bedrohlich wirkte, als wäre es selbst der Feind. Sophia betrachtete die alte Scheune mit argwöhnischer Skepsis. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass der Inhalt ein anderer als erwartet war. Nur ein dünner Lichtschein fiel durch die Ritzen der modrigen Holzwände. Aufgeregtes Gemurmel drang nach draußen. Mit einem weiteren tiefen Atemzug verdrängte sie die aufkeimende Angst und verbannte ihren Fluchtinstinkt in eine hintere Ecke ihrer selbst. Ihr war nicht bewusst, warum die Menschen in dieser Scheune sterben mussten. Tatsache war, sie würden die Sonne nie wieder aufgehen sehen, weil irgendjemand dies so entschieden hatte. Jemand, der im Augenblick ihres letzten Atemzuges nicht anwesend sein würde.


Sophia würde gleich in panische Augen blicken, die jeglichen Glanz verlieren und sich tief in ihr Unterbewusstsein brennen würden, um sie jede Nacht für den Rest ihres Lebens heimzusuchen. An die Geister in der Finsternis ihres Bewusstseins hatte sie sich gewöhnt. Sie erinnerte sich nicht daran, wann sie das letzte Mal gut geschlafen hatte, ohne mindestens einmal in der Nacht schweißgebadet aufgewacht zu sein. Alles eine Frage der Zeit, hatten sie gesagt. Es wird besser werden, hatten sie gesagt, aber seit langem sagten sie nichts mehr. Was hätten Worte auch schon geändert?

 

Plötzlich verstummten die letzten Laute, die vor Sekunden noch so lebendig an Sophias Ohr drangen, und das schwache Licht aus der Scheune erlosch, als hätte der auffrischende Wind es ausgepustet. Robin legte beruhigend seine Hand auf Sophias Schulter und nickte ihr aufmunternd zu. Robin. Der einzige Freund, den sie jemals hatte. Ihre Familie. Ihr Rückenwind. Er war der Funken Menschlichkeit in einem von Macht und Geld blind gewordenem Gefüge ohne jegliche Barmherzigkeit. Aber auch dieses Mal würde er sie nicht zurückhalten oder sich schützend vor sie stellen. Kämpfen musste sie allein. In Anbetracht des nahenden Todes war sich jeder selbst der Nächste. Sophia war die Vorhut. Das beste Ablenkungsmanöver.


Ihre jugendliche Erscheinung sollte ihre Gegner in Sicherheit wiegen. Das allein war ihre Aufgabe in diesem Spiel. Verwirrung stiften, um kostbare Sekunden zu gewinnen, die ihren Mitstreitern Tür und Tor öffnen würden. Langsam löste sie ihre Haarspange und schüttelte ihre braunen, gewellten Haare auf. Da stand sie nun, die Unschuld in Person und steckte ihre Waffe wieder in die Halterung am Gürtel, um sie mit ihrer langen Strickjacke zu verbergen. Vorsichtig machte sie sich auf den Weg zum großen Scheunentor. Es verunsicherte sie, dass keine Stimmen mehr zu ihr vordrangen. Irgendetwas war mehr als merkwürdig. Warum hatten sie plötzlich das Licht gelöscht? Wurden sie erwartet? Nein, das konnte nicht sein. Überhaupt war es seltsam, dass sich durchaus bekannte Handlanger verschiedener Untergrundorganisationen in einer schäbigen Scheune trafen, als müssten sie ihre Macht verstecken, die sie sonst wie ein Schild vor sich trugen. Am Ende spielte es keine Rolle, warum sie hier waren. Sie würden diesen Ort nicht mehr verlassen. Höchstens in einem billigen Plastiksack, wenn man es gut mit ihnen meinte.