Keine Befreiung aus Vanessa Heintz‘ Auftakt zur Perfidie-Trilogie

Die Bosheit der Macht von Vanessa Heintz ist der fulminante Auftakt einer ebenso ungewöhnlichen wie packenden Trilogie um die Protagonistin Sophia, die von einer streng hierarchischen Organisation schon als kleines Kind mit militärischer Erziehung zur Söldnerin herangezogen wird. Folter, Tod, Mord, Brutalität sind schon für die kleine Sophia mehr als nur Worte – sie hat es auch nicht nur am eigenen Körper erlebt, sondern auch anderen zugefügt.

KINDERSOLDATEN UND »MODERNE SÖLDNER« ALS TOPOS DER LITERATUR?

Die Themen Kindersoldaten und Söldnertum gehören ganz sicher nicht zu den Top-5 Party Small-Talk Themen. Auch in der aktuellen Krimi- und Psychothriller-Literatur sind sie eher selten anzutreffen. Doch wer sich die Zahlen des UNHCR oder der UNO anschaut, der wird erschrecken, wie virulent gerade das Thema der Kindersoldaten in vielen Ländern dieser Welt ist. Man kann aus diesen offiziellen Berichten nur erahnen, welch unglaubliche Schicksale, Traumata und unfassbare Gewalt hinter jedem einzelnen Kinderschicksal steckt und was für ein niederträchtiges Menschenbild von Generation zu Generation weitergegeben wird. Genau dieser Thematik und diesen Fragen hat sich die Autorin in ihrer Perfidie-Trilogie, die im Rabenwald Verlag erscheint, angenommen. Der Fokus liegt jedoch nicht auf den brutalen Einsätzen, die die Organisation ausführt, sondern sehr stark auf der emotionalen Entwicklung der Protagonistin. Die Trilogie ist daher auch für Leser, die sich nicht für militärische Strukturen interessieren, durchaus interessant.

DER BLICK IN DIE SEELE

Im Auftaktband der Trilogie – Die Bosheit der Macht – begegnen wir der Protagonistin Sophia und sind mittendrin in Situationen, die eigentlich schon über das Erträgliche hinausgehen. Der Leser wird hier von Beginn an mit ebenso dramatischen wie gewalttätigen Szenen nicht verschont. Gleichzeitig gelingt es der Autorin über die dramatischen Schilderungen hinaus einen tiefen Blick in die Seele der Protagonistin und die Mechanismen der Organisation, für die Sophia arbeitet hineinzuwerfen. Was sich schon in den ersten Kapiteln an Spannung aufbaut, wird mit großer erzählerischer Verve und einer perfekt austarierten Charakterzeichnung durch Vanessa nicht nur bis zum Ende des Thrillers gehalten, sondern bis ins Unermessliche gesteigert.

EIN PSYCHOTHRILLER MIT ZAHLREICHEN ERZÄHLERISCHEN DIMENSIONEN

Die Warnung, die auch dieses Buch enthält – Menschen mit schwachen Nerven und Abneigung gegenüber Gewaltszenen mögen bitte Abstand von der Lektüre dieses Romans nehmen -, ist dabei unbedingt ernst zu nehmen. Um an dieser Stelle gleich einem Vorurteil zuvorzukommen: Nein, es geht Vanessa keinesfalls darum, physische oder psychische Gewalt aus purer Lust an selbiger so detailliert auszumalen. Vielmehr sind diese Elemente zwingend notwendig, um die psychische Entwicklung der Pro- und Antagonisten ebenso glaubwürdig wie authentisch zu schildern. Tatsächlich dürften es vor allem die inneren Schmerzen sein. Dass diese nicht allein aus Sophias Gegenwart resultieren, sondern ihren Ausgangspunkt in ihrer Vergangenheit haben, erweitert den Roman um eine zusätzliche faszinierende Dimension.

Cover Perfidie 1 - Die Bosheit der Macht

LIEBE ALS EINZIGE UTOPIE INMITTEN EINES DYSTOPISCHEN SETTINGS

Sophias Vergangenheit, die Gegenwart ihres Söldnertums – und die Zukunft, zumindest eine Zukunftsperspektive, repräsentiert durch Christian. Es ist nicht zu viel verraten, wenn an dieser Stelle das Stichwort ‚Liebe‘ fällt, ist sie doch das einzige Element, das dem Bitterbösen und Rabenschwarzen Dunkel der dystopischen und menschenfeindlichen Gegenwart etwas entgegenzusetzen hat. Dass dieser Psychothriller nicht in rosarote Romantikgefilde abdriftet oder es rein um das schriftstellerische Ausweiden von Sexszenen geht, das ist der Autorin hoch anzurechnen. Denn auch hier bleibt sie ihrer Poetologie treu und schildert auch in diesen Szenen, die vielleicht so etwas wie Glück oder Angekommensein in sich tragen, den harten inneren Kampf der Protagonistin. Ob diese Liebe bis zum Ende trägt und sie wirklich das Gegenmittel gegen die Niedertracht der Gegenwart ist? Diese Frage bleibt offen.

DER PERFEKTE START IN DIE TRILOGIE

Die Autorin legt mit diesem Auftaktband zu ihrer Perfidie-Trilogie die Messlatte extrem hoch. Wieder einmal gelingt ihr eine ziemlich perfekte Melange aus zwingenden Spannungselementen, extremen und sorgfältig tarierte Charaktere, die alle bekannten Affekte bei den Leserinnen und Lesern evozieren und tiefe, entlarvend-desillusionierende Blicke in die menschliche Seele. Die thematische Verknüpfung mit einem zu Beginn vielleicht eher sperrig anmutenden Themenkomplex erweist sich als genialer Schachzug und als starke Metapher nicht nur für den literarischen Modellversuch der Autorin, sondern weit darüber hinaus.